Karlsruhe

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Mittwoch, 31. März 2021

Die unbekannte Fahrradstadt - Madrid

In den Diskussionen über die Vorbilder für moderne menschenorientierte Infrastruktur in Städten tauchen meist die gleichen Namen auf und das auch berechtigt. Beginnend bei Kopenhagen (selbst schon erlebt - Wahnsinn!), über die ganzen niederländischen Städte, die man nicht alle einzeln aufzählen kann. Dann noch Paris mit den irren Fortschritten, die die Bürgermeisterin Anne Hidalgo erreicht hat.  In Spanien dann Barcelona mit seinen Super-Blocks und etwas weniger bekannt, aber schon seit 20 Jahren vielen weit voraus Pontevedra. Das soll jetzt keine vollständige Liste sein, aber sie allein gibt schon viele funktionierende Methoden, um den Autoverkehr in einer Stadt zu reduzieren, die alternativen Verkehrsmittel zu fördern und damit etwas für Umweltschutz, Sicherheit und Lebensqualität zu erreichen. 

Mein Versuch der Übersetzung. Ich bitte Ungenauigkeiten zu entschuldigen!!! 

In Madrid haben wir mit dem Rad eine große Freiheit. 

Lauftext: In Madrid darf der Radverkehr grundsätzlich die rechte Fahrspur der Fahrbahn verwenden. Eine einzigartige Regelung, die es wohl sonst nirgends auf der Welt gibt. Das hat die kostenintensive Schaffung neuer Infrastruktur erspart. Wir forderten und feierten die freie Wahl, wo wir fahren dürfen. Wir leiden immer noch unter den Angriffen von Organisationen, die eine Ideologie teilen: sie wollen den Radverkehr von der Fahrbahn verdrängen und auf schmale separate Wege zwingen, wo sie den motorisierten Verkehr nicht stören. Sie nennen sich Radfahrer, aber sie wollen das Fahrrad als ein gefährliches Verkehrsmittel darstellen für jeden, der es wagt nicht auf den zugewiesenen Radwegen zu fahren. 

Hat jemand gesehen, dass ich irgendwie bedrängt wurde? Hat irgendjemand gehört, dass ich einen Anpfiff bekommen hätte? 

Ja, Madrid ist eine Fahrradstadt! 

Und dann entdecke ich da plötzlich das Video von einem Radler in Madrid, der sagt: Madrid, sí es ciudad para bicis! Ja, Madrid ist Fahrradstadt! Und das unter anderem mit einem Konzept, das in Gesprächen mit der Radel-Community schnell in heiße Grundsatzdebatten ausarten kann - nämlich damit, dass der Radverkehr bewusst auf die Fahrbahn geschickt wird - statt der z.B. in Kopenhagen bevorzugten separierten Radinfra oder neudeutsch Protected Bike Lane (PBL). Ich schlage jetzt mal vor, dass wir uns mal in Ruhe anschauen, was hier gemacht wird und ob das nicht doch eine Option sein könnte. 
Die Freiheit des Radfahrens in Madrid!

Der Macher des Videos nennt sich auf Twitter @Isengarder. Er lebt offensichtlich in Madrid und beschäftigt sich mit dem Thema Radeln in seiner Stadt. Seine Videos laufen unter dem Namen 'Madrid en Bici'. Bisher wusste ich, dass Madrid vor knapp 1 1/2 Jahren den Autoverkehr massiv aus der Innenstadt zurück gedrängt und es dabei geschafft hat, den angekündigten damit verbundenen Weltuntergang zu vermeiden. Plötzlich waren auch die Busse pünktlich. Ich wusste, dass Radler dann auch die Busspuren mit nutzen durften, sonst hatte ich bisher keine Details. Die damalige Bürgermeisterin wurde zwar im Jahr danach abgewählt, aber als der neue konservative Bürgermeister die Regelungen rückgängig machen wollte, kam scheinbar heftiger Gegenwind von der Bevölkerung und so blieb es bisher dabei.

Jetzt sehe ich die Videos von @Isengarder und der ist offensichtlich ein Befürworter des Radelns auf der Fahrbahn, da das nach seiner Meinung in Madrid sehr gut funktioniert. Zwei besondere Aspekte hebt er dabei hervor: auf dem Fahrrad hat man offensichtlich die freie Wahl, auf welcher Spur man fahren darf, dazu gilt explizit die Regel, dass man in der Mitte der Fahrspur fahren soll. Also ein deutlicher Unterschied zum bei uns geltenden und meist überinterpretierten Rechtsfahrgebot. 

Es gibt in Madrid offensichtlich auch PBLs, deren Gefahren auf den PBLs er in einem anderen Video aufzeigt. Das beginnt mit unübersichtlichen Kreuzungen - teils ohne Vorfahrt für Radler, Dooring-Zone auf der Beifahrerseite (dort schaut erst recht keiner in den Rückspiegel vor dem Öffnen der Tür). In Kommentaren werden noch Fußgänger erwähnt, die auch mal abrupt hinter einem Bus hervortreten. Mir fallen noch die erkennbaren hohen Randsteine beidseitig auf, an denen ich nicht mit dem Pedal hängen bleiben möchte. Außerdem sind die Wege dort oft recht schmal. Überholen eines langsameren kann man ohne erhebliches Risiko für beide vergessen. 

Auch bei uns gibt es Befürworter zum Radeln auf der Fahrbahn. Man argumentiert damit, dass dort weniger und weniger schwere  Unfälle passieren. Der Radfahrer ist sichtbar. Während getrennte Fahrspuren dann häufig hinter parkenden Autos verlaufen und es dann zu den Unfällen beim Rechtsabbiegen kommt - mit besonders verheerenden Konsequenzen für den Radler. Während die Pro-PBL-Fraktion sagt, dass nur so die Radinfra respektiert wird und die Leute sich auch sicher fühlen beim Radeln. Es wird häufig zu einer Diskussion 'gefühlte vs. reale Sicherheit'. Wobei ich meine, es braucht beides: gefühlte UND reale Sicherheit! 

Auch hier ein Übersetzungsversuch:

Wenn euch jemand sagt, dass die Fahrradwege 'sehr sicher' sind, wunderbar und sie Kindern und Älteren ermöglichen mit dem Rad zu fahren, dann schaut euch die 30 roten Gefahrenpunkte an mit realer Möglichkeit umgefahren zu werden, die eine einzelne PBL darstellt. Für Kinder? Sicher? Ein Trugschluss.

Ist der Radweg wirklich sicher? Gleich mal 2 Fußgängerüberwege, noch einer, unübersichtliche Kreuzung, noch ein Fußgängerüberweg, Querung für Radverkehr ohne Vorfahrt und schlechte Einsehbarkeit nach links und Verkehr von rechts, sehr sicher! Achtung auf sich öffnende Autotüren, wieder eine schlecht einsehbare Passage, gefährliche Kreuzung, versteckter Fußgängerüberweg, Achtung auf den Transporter,...

30 Möglichkeiten über den Haufen gefahren zu werden auf einer einzigen Strecke. PBLs geben ein falsches Gefühl der Sicherheit.

Ich sehe eine ganze Menge Punkte, die pro Fahrbahn-radeln zumindest in der Stadt sprechen. Es wird auch von @Isengarder erwähnt, dass die Fahrbahnen schlicht schon da sind - im Regelfall schon mit deutlich besserem Asphalt als die Radwege. Somit könnten solche Maßnahmen sehr schnell und kostengünstig umgesetzt werden. Außerdem gibt es abseits von den Hauptverkehrsadern wohl schlicht nicht genügend Platz, um eine separate Infrastruktur zu schaffen. 

Einen weiteren Grund sehe ich darin, dass sich voraussichtlich neben Fußgängern, Radlern und Autofahrern, noch andere Verkehrsarten entwickeln werden. Im Moment sind es schon die Leihroller, aber da kommen womöglich noch elektrisch betriebene Kleinfahrzeuge dazu. Alleine bezüglich Radverkehr gibt es ja schon riesige Unterschiede in Bezug auf Größe und auch Geschwindigkeit. Man kann am Ende nicht für jeden eine separate Infrastruktur schaffen. 

Das ist eine Statistik erstellt von Thomas Schlüter, der sich akribisch mit Unfallstatistiken des Radverkehrs beschäftigt. Ich bin nicht immer mit seinen Schlussfolgerungen einverstanden, aber er liefert häufig Nachdenkenswertes. 

Das Problem bei uns: Radfahren wird nach wie vor - und auch in Karlsruhe - nicht als gleichberechtigter Verkehr neben dem MIV akzeptiert. Viele Autofahrer tun das nicht und - ganz großes Problem: die Polizei tut das auch nicht. Das bedeutet, dass rücksichtslos gefahren wird, ob aus Unwissenheit, Ignoranz oder gar Bösartigkeit, ist am Ende fast egal. Und dass auch nicht kontrolliert und nicht sanktioniert wird. Oft genug selbst dann nicht, wenn man versucht, Verstöße zur Anzeige zu bringen.

Ich hatte @isengarder gefragt, ob das denn in Madrid wirklich klappt. Werde ich denn als Radler auf der Fahrbahn seitens des motorisierten Verkehrs akzeptiert? Nach seiner Antwort scheint das dort gegeben. Ein TRAUM! Bei uns sehe ich da große Schwierigkeiten. Wie könnte man dem abhelfen? Generelle Gehirnwäsche für jeden Autofahrer?! Es wäre ein langer Weg, der sich aber lohnen könnte. Zunächst müsste Politik und Polizei ENDLICH anfangen tätig zu werden und den Übergriffen vieler Autofahrer Einhalt gebieten. Dann darf es keine Nachsicht bei zu engen Überholmanövern (so eine Aktion würde ich gerne mal in Karlsruhe erleben...) oder überhöhter Geschwindigkeit geben, kein 'das ist aber schwer nachzuweisen!', kein 'da liegt jetzt nicht wirklich eine Gefährdung vor. Sie leben ja noch!' oder 'man muss den Autofahrern ja auch noch etwas Luft zum atmen lassen!'. 

Bis dahin ist es allerdings, wie ich befürchte, noch ein langer und dornenreicher Weg, der uns dann doch wieder zu den PBLs bringt. Denn die dort gefühlte Sicherheit lockt, wie man in anderen Städten sehen kann, mehr Menschen auf's Rad. Eine steigende Quote des Radverkehrs, mehr Menschen auf dem Rad - das muss ja am Ende das Ziel sein für eine Verkehrswende. 

Die Maßnahmen hier in Karlsruhe mit den Radstreifen sind ja irgendwie so ein Zwischending. Separate Infrastruktur ja, aber nicht baulich getrennt - somit gerne auch mal zum Parken genutzt und auch beim Überfahren der Trennlinie lässt man gerne mal Fünfe gerade sein. Argument sind auch hier die vergleichsweise niedrigen Unfallzahlen, wobei man sich darüber im Klaren sein sollte, dass das weniger ein Verdienst der Autofahrer ist, sondern eher der vorausschauenden und defensiven Fahrweise der Radler zugeschrieben werden kann. 

Vielleicht ist am Ende die Lösung eine Mischung aus beiden - zumindest für eine Übergangszeit. Neben der Frage, was gerade im Moment am besten wäre, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass ein Rückgang des MIV und eine Zunahme des Radverkehrs natürlich auch die Rahmenbedingungen für diese Diskussion verändern werden. Ich vermute, dass dann die Tendenz eher von der separierten Infrastrukur weg gehen wird. Bestätigt sehe ich das auch durch die jüngste Äußerung von OB Frank Mentrup, der für weiter steigenden Radverkehr die Notwendigkeit sieht, diesen auf die Fahrbahnen zu bringen (Ziel Radverkehrsanteil > 50%!!!). Dafür würde er in Karlsruhe gerne flächendeckend Tempo 30 einführen. 

Bis das soweit ist, kann es noch dauern - schließlich liegt das ja in den Händen von Andreas S. aus P., aber vielleicht ändert sich das ja im Herbst nach der Bundestagswahl. Anderswo, wo das Miteinander tatsächlich schon funktioniert, kann man sich als Radler glücklich schätzen.

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